Die Gewürznuss.


Verträumt knipste ich ein paar saftige Rosmarinzweige von dem verschneiten Busch ab, entfernte die Schneekristalle durch ein leichtes Klopfen und steckte die Kräuter in den kleinen Stoffbeutel. In meine Nase stieg stumm der würzig-magische Geruch der zauberhaften Kräuter, und ich fühlte mich schlagartig in mein Leben in Marokko zurückversetzt. - Wie ich in Casablanca über die Suqs wanderte. Beinahe jeden Tag nach der Arbeit. Wie ich müde und verträumt im Farbengewitter, in diesem Regenbogen an Gerüchen, Erholung fand. Wie ich riesige Orangen aus riesigen Orangenbergen nahm und ihr süßes, saftiges Aroma beim brüderlichen Willkommensgespräch mit Said, dem Verkäufer, genoss. Wie Berge an Gemüse und Kräutern gleich einem mannshohen Jenga-Turm gestapelt waren. Wie ich in meiner Lieblingsépicerie jeden Verkäufer, pardon, jedes Familienmitglied inzwischen persönlich kannte. Wie ich vor dem decken-hohen Regal an offenen Gewürzen stand und meine Nase überall hineinsteckte, um mit einem scharfen Niesen immer und immer wieder schnell auftauchen zu müssen. Hunderte von Welten lagen vor mir, jede erzählte ihre eigene Bestimmung, Reise und Geschmackscharakter. Jedes dieser Gewürze verführte mich in eine andere Traumwelt. Verzaubernd schön. Und wie ich es immer bedauerte, sie nur beim Kochen genießen zu können. Dann formte sich eine Idee. - Ich öffnete wieder die Augen und sah eine Schneeflocke vor mir fliegen. Ein Jahr und tausend Kilometer ist dieses Leben, diese Zeit nun entfernt. Ich grinste in mich hinein, ging zurück in die warme, Bremer Küche, und der charaktervolle Curryduft Indiens empfing mich. Die Gewürznüsse waren fast fertig.