Die Gewürznuss


Unsere Geschichte

Verträumt knipste ich ein paar saftige Rosmarinzweige von dem stummen Busch ab, klopfte sanft die kühlen Schneekristalle ab und steckte sie in den kleinen Stoffbeutel. Nebenan trotzte tapfer der hübsch verschneite Thymianbusch dem seltenen Bremer Schnee, stand dick und rund in dem stillen Garten meiner Kindheit. Ich brach ein, zwei gefrorene Äste ab, rieb ein wenig die gesammelten Kräuter zwischen meinen kalten Fingern und kurz darauf spielte der würzig-magische Geruch mit meinen Sinnen. In meinem Gedanken fühlte ich mich schlagartig an mein Leben in Marokko zurückversetzt.


Wie ich in Casablanca über die Suqs wanderte, beinahe jeden Tag nach der Arbeit. Dort im Spektakel müde und verträumt Erholung fand, im lauten Trubel, im Farbengewitter, in diesem Regenbogen an Gerüchen. Abwesend knallige, riesige Orangen aus Orangenbergen rauszog, sie sogleich öffnete und schmeckte, an ihrem saftig süßen Aroma schnupperte. Die kleinen Marktstände, die nur so von grünen Salaten und Kräutern überquollen, wo es an Lebensgefahr grenzte, ein Bündel rauszuziehen, manche der mannshohen Berge wackelten wie ein Jenga-Turm. Die Fischhändler, die Kichererbsenverkäufer, die Schafshändler, es war Leben, und es war magisch.

Das war aber nur die Außenwelt.

Fast immer stattete ich meinem Lieblings Epicerie einen Besuch ab. Eine kleine Glastür, ganz schmaler Hauseingang, der in einen noch schmaleren Flur führte. Kupferfarbiges Licht empfing mich jedes mal, ein langer Glastresen zu meiner Linken, voll und übervoll an den verschiedensten Datteln. Kurz danach folgte die altmodische Kasse, eine dieser, die noch so ein schönes "Pling!" machen, und da begrüßte mich sogleich immer der Senior, Herr Chef. Etwas zu faltig und etwas zu mager eigentlich, aber er ließ sich von seinen Grünschnäbeln nichts erzählen, außer vielleicht die abzurechnende Summe. Man kannte sich, man kante sich auf den Suqs immer, jeder kannte jeden, und ich hatte mir mein Stammklientel an Verkäufern angelacht, mit denen ich mich selbstredend auch zu unterhalten hatte, wenn ich nichts kaufen wollte und einfach auf dem Durchmarsch war. Ja, sich hier alleine zu fühlen, das war eigentlich unmöglich.

In der Epicerie öffnete sich schließlich der Flur ein wenig, und offenbarte mir den kleinen, wunderschönen Laden. Vollgestopft bis an die Decke, und selbst der Boden war mit großen Kunststofftonnen voller Linsen und Nüssen vollgestellt. Oliven jeglicher Couleur zu meiner Rechten, aber am meisten faszinierte mich immer wieder nur eines: die große Wand am Ende des Raumes. Sie war voll von Farben, voll von Gerüchen, voll von Geschmack, voll von gefühlt tausend Gewürzen. Kleine, zauberhafte Welten, jede für sich einzigartig, jede für sich exzellent und ausgefeilt, jede für sich seine eigene Bestimmung und Betonung haben. Halb offen lagen sie aus, hinter transparenten Klappdeckeln geschützt. Ich tat nichts lieber, als irgendeinen Klappdeckel mit irgendwelchen arabischen Schriftzeichen drauf zu öffnen und meine kleine Nase reinzustecken! Manchmal fiel ich kopfüber zurück, weil mir so eine scharfe Dröhnung Chili in die Nase gestiegen war, und manchmal musste ich mich schnell zur Seite drehen, um zu niesen von den Dutzend Pfeffersorten. Ich war kein ausgewiesener Feinschmecker oder Genießer, aber es machte einfach tierisch Spaß, und ich bedauerte immer, dass ich diese kleinen Universen nicht einfach so pur erkunden kann, nicht einfach nebenbei genießen kann.

Bis ich eines Tages in meiner kleinen, beige gekachelten Küche stand, einige Erdnüsse in der Pfanne selber röstete (mein Monatsbudget war reichlich knapp bemessen), und vom vorherigen Kochen noch zwei riesige Bündel Rosmarin und Thymian neben der Pfanne liegen hatte. Und ich mir dachte:

Warum nicht?

Ich brauche wohl kaum zu erwähnen: der erste Versuch ging völlig schief. Die Kräuter verbrannten, und an der Nuss bleiben wollten sie erst recht nicht. Aber:

Es war der Beginn einer Idee.

Ich öffnete wieder die Augen, den Geruch des Rosmarin und Thymian noch in der Nase, und sah eine Schneeflocke auf meine Hände fallen. Ein Jahr und tausende Kilometer ist das her. Ich lachte glücklich auf, ging zurück in die warme, Bremer Küche, und der charaktervolle Curryduft Indiens empfing mich. Ich wusste, die Gewürznüsse waren fast fertig.