Ilya's Grillfeuer


Er hatte sie alle mitgenommen: Hülya, Tariq, Adile, Muhammad, Nazim, Gülsen und die beiden Jungs. Ursprünglich sollte Ilya mit einem kleinen Laster ein dutzend Schafe aus Yeniköy für den Kaufmann Hüseyin, seinen Cousin von seiner Tante in Spe, Seval, holen. Er schuldete Seval einen Gefallen: Sie hatte ihm vor Jahren ein Date mit Elif, dem schönsten Mädchen aus Malmük, dem Nachbarsdorf, arrangiert. Seval wiederrum schuldete Hüseyin einen Gefallen, der diesen nun einlösen wollte und Seval aus großer Unlust auf Schaftransporte Ilya damit beauftragt hat - klar soweit, oder? Ilya steht also vor diesem Jahrzehnte alten Honda Laster mit der dreckigen offenen Ladefläche –  Freitagmorgens  ausgerechnet am heiligen Tag der Woche und verspürt eine noch größere Unlust als Seval für Schafe den Chauffeur zu spielen.
 
So entschloss sich Ilya kurzerhand bei Tariq vorbeizufahren, um ihn mitzunehmen. Ein wenig Unterhaltung konnte nicht schaden. Er sturmklingelte bei Tariq, um ihn aus dem Bett zu holen und rief ihn so lange an, bis ein verschlafener und unrasierter Kopf aus dem Fenster auf die Straße hinunterschaute und rief: „Ne?". Auf Deutsch: „Was?".
 
„Tariq, rasier dich und zieh’ dir was an, wir fahren nach Yeniköy, ein paar Schnallen aufreißen!"
 
Da tauchte Hülya neben Tariqs Kopf auf, völlig zersaust, in einem schmuddeligen T-Shirt und rief:
 
„Schnallen in Yeniköy? Spinnst du? Wie nötig musst du es haben? Das ganze Land weiß, dass es in Yeniköy nur Hässliche gibt!"
 
„Hülya! Immer schön dich zu sehen. Welch wunderschöner Anblick deiner zarten Eleganz!" rief Ilya hoch.
 
Hülya atmete tief ein und setzte für eine wütende Schimpftirade an; da fuhr Tariq dazwischen:
 
„Was willst du wirklich, Ilya?"
 
„Okay, okay, ich muss Schafe für Seval, nein für Adile, ach Quatsch, ich mein Hüseyin, oder, egal, vergiss es, ich muss Schafe abholen und transportieren. Steig ein, wir machen auf dem Weg halt an einem Grillplatz -  ich lade dich ein!".
 
Die beiden Köpfe verschwanden. Einen Moment später tauchte Tariq wieder auf und er rief: „Hülya muss aber mitkommen, und Gülsen auch, die wollte heute etwas mit Hülya unternehmen!"
 
Typisch Tariq, der mal wieder unter dem Pantoffel seiner Frau steht.
 
„Ich habe hier vorne keinen Platz. Die Damen müssten es sich auf der Ladefläche bequem machen. Dann bitte gerne!"
 
Zehn Minuten später fuhren sie zu Gülsen. Hülya am Steuer, Ilya und Tariq auf der Ladefläche.
 
„Toll gemacht Tariq, wirklich toll." fluchte Ilya.
 
„Ach halt den Mund." konterte Tariq.

Sie hielten vor einem großen Wohnhaus. Ilya machte Anstalten, Hülya in die Wohnung zu folgen. Gülsen war ein Traum von Frau, die ihn bis ihn seine Träume verfolgte. Er hoffte, sie in der Tür überraschen zu können - so früh morgens war sie hoffentlich noch im Nachtkleid...  Da drehte sich Hülya noch vor dem Haus mit einer entschiedenen Pirouette zu ihm um und warf im einen tödlichen Blick entgegen. ‚Du Schwein’ stand in ihren Augen geschrieben und er verzog sich mürrisch wieder auf die Ladefläche.

Gute dreißig Minuten später kamen sie herunter. Und mit ‚sie’ sind nicht die beiden Damen gemeint, sondern Hülya, Gülsen, Adile, Nazim und ihre beiden kleinen Brüder, die nicht älter als zehn Jahre waren.

Ilya wollte sich gerade empören, als die wunderschöne Gülsen auf ihn zu kam und ihn mit ein paar Wangenküsschen begrüßte. Er vergaß seinen Zorn in verblüffter Verwunderung, so hatte sie ihn noch nie empfangen - sonst ist sie unnahbar. Er schaute ihr verliebt hinterher, wie sie vorne in den Laster einstieg. Er muss etwas länger so da gestanden haben, denn Tariq rief: „Macker, beweg dich, spring auf, wir wollen los! Alle warten nur auf dich!”

Ilya kam wieder in der Realität an, schüttelte sich kurz und sprang auf den Laster. Da fiel ihm wieder ein, dass er doch ursprünglich sauer war: die Ladefläche war halb voll beladen mit Tariq, Adile, Nazim, den beiden kleinen Jungs und ihm. Die beiden Ladies vorne drin. Na das kann ja gemütlich werden mit den Schafen.

Sie fuhren weiter, raus aus der Stadt, Richtung Yeniköy, und Ilya genoss den Fahrtwind und die frühlingshafte Natur um ihn herum. Alles stand in voller Blüte. Es hatte in den letzten Wochen viel geregnet, es war hellgrün und der Wind trug von der Küste einen frischen Meeresgeruch in das Land. Da bogen sie plötzlich ab, fuhren auf einen kleinen Hof und blieben stehen.

Gülsen stieg aus und ging in das Haus. Ilya schaute sich verblüfft um: „Tariq, was soll denn das jetzt schon wieder?”

Der druckste ein wenig herum: „Naja, weißt du, es ist so, also, Gülsen, hier…”

Nazim, Gülsens Bruder, funkte dazwischen: „Hier lebt der Alte von unserem Alten, unser Opa, verstehst du, wir sollen heute auf ihn aufpassen. Er ist alt, weißt du, ist doch kein Problem, wenn wir ihn mitnehmen, oder?”

Ein alter, verwirrter Mann auf einer offenen, schon halb vollen Ladefläche, wo später noch ein duzend Schafe drauf sollen. Nein, natürlich, kein Problem.

Da kam Gülsen mit dem altem Herrn aus dem Haus, und wie sie ihn so hielt, wie sie ihm half und ihm liebevoll und zärtlich zu dem Laster begleitete, ihn mit einem Arm unter den Schultern beim Gehen half, ja, da wollte Ilya am liebsten selber sofort so alt und gebrechlich sein, wenn Gülsen sich so um ihm kümmern würde.

Sie wollte ihren Opa auf den Vordersitz setzen, doch der weigerte sich schwach, aber beharrlich, und schließlich hievten wir ihn alle auf die Ladefläche. Unglaublich alt war er, ein völlig eingefallenes Gesicht und ein dünner Körper, aber aus seinen Augen heraus funkelte und glitzerte stark und weise sein heller und wacher Geist. Schick war er auch angezogen, dieser alte Mann beeindruckte Ilya enorm. Er begrüßte jeden auf der Ladenfläche mit einem „selamün aleyküm” (Friede sei mit euch) und einem Augenzwinkern, setzte sich hin und wir fuhren wieder los.

Hülya fuhr langsam, die Straße war holprig, kurvig und der alte Mann gebrechlich. Aber es war wunderschön. Sie fuhren durch zarte Hügellandschaften, manchmal durch kleine, alte Dörfer hindurch und hielten hier und da bei den Verkäufern, die einsam an der Straße saßen und Orangen, Granatäpfel, Avocados, kräftig süßen Pfefferminztee und allerlei Stärkungen anboten.

Schließlich fuhren wir wieder durch ein kleines Dorf und direkt neben der Moschee war ein Suq, der mit Menschen überfüllt war. Hülya parkte den Laster gegenüber und wir stiegen alle aus. Der alte Mann, Muhammad, hatte Gülsen diesen Suq zum Grillen empfohlen: es gab einen offenen Bereich mit vielen Tischen, gleich dort hinten links, halb im Schatten von Planen überdacht und davor unzählige, längliche Grills mit glühend heißen Kohlen unter dem Rost. Ein paar Verkäufer kümmerten sich darum und verkauften gleich noch das Fleisch für die Griller. Muhammad schritt im Schneckentempo voran und rief letzten endlich schwach, aber entschieden: „Abdulkadir!” Da drehte sich ein älterer Verkäufer um, sah den alten Mann und schrie mit Gebrüll auf, jubelte und rannte wie eine Urgewalt auf Muhammad zu, um ihn zu umarmen. Ilya machte sich kurz Sorgen um die dürre alte Gestalt, aber Abdulkadir umarmte ihn hemmungslos und hob ihn sogar noch kurz in die Luft. Man kannte und schätzte sich - offensichtlich.

Muhammad stellte uns Abdulkadir als den Grillmeister schlecht hin vor, der uns sogleich zu einem großen Tisch führte. Fünf Minuten später hatte unsere schnatternde Horde zwei wunderschöne silbern verzierte Teekannen, mit kräftig gezogenen Pfefferminztee auf dem Tisch und kleine golden verzierte Teegläser. Ilya liebte es, aber Augen hatte er nur für eine: Gülsen, die von ihren Brüdern schützend umgeben war.

Er hatte sich gerade dazu entschlossen, in die Offensive zu gehen, da kam Tariq zu ihm und zog ihn weg.

„Hey, was soll das?” rief Ilya empört.

„Wir werden eingewiesen!” antwortete der nur mysteriös.

Er schleppte ihn zu Abdulkadir an den Grill, wo auch Muhammad stand, die beiden geheimtuerisch ihre Köpfe ineinander gesteckt.

„Was soll das, was ist hier los?” fragte Ilya offensichtlich zu laut, da die beiden Männer sich rasch umdrehten und “pssssst!” machten.

„Okay, okay, also, was ist hier los?” flüsterte Ilya, jetzt war seine Neugierde geweckt.

Tariq und er steckten ihre Köpfe mit zu den beiden alten Männern. Muhammad hielt einen kleinen Lederbeutel in der Hand und schnürte ihn gerade auf. Doch bevor er ihn öffnete sagte er zu Tariq und mir mit seiner schwachen Stimme: „So, Jungs, das, was ich euch jetzt zeige, ist mein Geschenk an euch beide. Es ist das Wertvollste, was ich neben meinen Geist besitze und ich wünsche mir, dass ihr es gut behütet und bewahrt! Benutzt es mit Gewahrsam, seid vorsichtig, wem ihr es anbietet und seit vor allem bei den Frauen achtsam: es kann sehr machtvoll sein!”

Ilya und Tariq tauschten einen kurzen Blickkontakt aus, der so viel sagte, wie ‚ja ne, ist klar’.

„Schwört, dass ihr es gut bewahren werdet!” sprach Mohammed und seine Augen blitzen die beiden an.

Die beiden schworen ihm und waren nun unfassbar neugierig auf das, was da drin sein sollte.

„Jungs, das hier wird euch nun zu wahren Männern machen. Zu Meistern.”

Er machte es aber auch spannend.

„Zu Meistern des Gaumen, des Magen und schlussendlich der Liebe. Denn die geht ja bekanntlich durch den Magen.”

Klar doch.

Endlich öffnete er den Beutel.