Rossi's Kräutergarten


„Fabio! Fabio!!!" rief Mamma, während sie in der Tür zum Garten stand. „Faaaabioo!" Doch Fabio hörte sie nicht oder wollte sie nicht hören, wie so oft, wenn er irgendwo auf der Orangenplantage am Spielen war. Prinzessin rettender Ritter, reicher, venezianischer Kaufmann, passioniertes Malergenie, weltreisender Minnesänger oder doch einfach nur Spitzenkoch. Fabios blühende Fantasie lies ihn von Reisen und Reichtum träumen, während er über die wohlriechenden Hektar von Orangenbäumen hüpfte. Mal mit Holzschwert, mal mit Karren voller großer Orangen, dann mit Pinseln aus Stöckern. Sobald er groß ist, ist er weg aus dieser baufälligen Villa, dem irgendeinem Paten(onkel?) vor Jahrhunderten gehörte, weg von diesem Weintrinker, Hirten, Mammas und Bauern. Nur Mama, die nimmt er mit!

Mama kannte das Spiel inzwischen schon. So ging sie in die Küche, machte eine heiße Schokolade, schrieb einen kleinen Zettel und stellte beides auf der Terrasse auf dem alten hölzernen Tisch ab. Sie tat so, als wäre sie wieder in der Küche, summte ihr Lieblingslied „Tarantella” beim Kochen, träumte davon wie Sergio sie zu dem Lied noch vor ein paar Jahren leidenschaftlich über das Tanzparkett führte und hielt heimlich im Garten Ausschau. Da lugte Fabio schon aus dem Gebüsch heraus. Heute war wieder mit Stockschwert unterwegs. Er befand die Situation für sicher, sprintete auf die Terrasse, schnappte sich den Kakao. Er wollte schon wieder kehrt machen, als er den Zettel sah er, zögerte er kurz und nahm auch ihn mit zurück auf den Weg ins Gebüsch.  

Fabio kannte das Spiel inzwischen schon. Er ließ sich darauf ein, er liebte schließlich Mama und konnte aus den meisten ihrer Aufgaben kleine Abenteuer machen. Während er an seiner Schokolade schlürfte, las er den Zettel holprig und langsam, aber doch ganz richtig: „Fabio, hohl bitte frische Tomaten von Tante Adelia, frischen Oregano von Uropa Eliandro, ein paar Stängel Bohnenkraut und Rosmarin vom Nachbar Sergio und frisch getretenes Olivenöl von Bauer Gabrielle - es gibt heute deine Lieblingspizza a la Mamma!"

Fabio jubelte. Pizza a la Mamma! Das Wochenhighlight! Aber er kannte einen viel besseren Weg die Sachen zu besorgen, als zu all den Leuten rennen zu müssen.: Der Ritter kannte schließlich sein zu schützendes Reich und all diese Sachen gab es an einem einzigen paradiesischen Ort nicht weit von hier. Es war zwar verboten zu betreten, aber war er eine Memme oder ein Ritter? Ritter! So stürzte Fabio los in Richtung der Sonne, durch all die Orangenbäume und das Gebüsch hindurch, nahm sich hier und da noch eine Orange mit und lief selbige schälend und kauend weiter. Er kam an den Grenzzaun ihrer Plantage und sprang mit einem Hops darüber; er war längst groß genug, nicht mehr nach Löchern im Zaun suchen zu müssen. Er musste den Hügel herunterlaufen, wurde schnell wie ein Ferrari F430, verhedderte sich mit seinem Schwert in einem Busch, plumpste auf den Boden und rollte die nächsten zwanzig Meter kopfüber hinunter, bis er schmerzhaft am Boden zum Liegen kam. Autsch! Aber ein Ritter kennt keinen Schmerz. Er schüttelte sich und suchte nach seinem Schwert. Es steckte noch oben am Hang im Gebüsch. Fabio ließ es da und rannte weiter auf die Schafsweide. ‚Diesen Kampf kann ich auch ohne meinem Schwert gewinnen!’, dachte sich der junge Ritter. 

Und so stellte er sich tapfer den Feinden, Aug’ in Aug’, und nur mit seinem Verstand bewaffnet, rannte er siegessicher zwischen all den mähenden und blökenden Schafen hindurch. Hier und da schob er mal eins zur Seite; er konnte das paradiesische Grün sehen, es war nicht mehr weit. Er schubste noch ein Schaf und es rannte davon. Nun aber freie Bahn. Er nahm noch mehr Geschwindigkeit auf und war fast da! Und da plötzlich rammte ihn ein wenig erfreuter Bock um. Während Fabio noch von dem Überraschungsangriff am Boden nach Orientierung suchte, drehte sich der Bock um, nahm wieder Geschwindigkeit auf und lief zielgerichtet mit bösen Blick auf ihn zu. Fabio sprang auf seine Füße und wich mit einer Pirouetten gleichen Bewegung dem anstürmenden Bock aus, welcher verdutzt an ihm vorbei raste, stolperte und hinfiel. Fabio nutze die Chance und rannte in die Richtung seines sicheren Paradieses. Er schaute sich um, der Feind stand wieder auf und galoppierte ihm hinterher, doch da machte Fabio einen Hechtsprung in das dichte Grün, es knackte und zwickte, doch er war in Sicherheit. 

Fabio krabbelte durch das Gebüsch, schlüpfte auf der anderen Seite heraus, hielt kurz Ausschau ob die Luft rein war, doch das war sie, stand auf und holte einmal tief Luft. All diese traumhaften Gerüche kitzelten seine Nase, seinen Gaumen, und er fühlte sich wie im Paradies. Hunderte von Tomatenpflanzen lächelten seine Sinne an, dieser unverkennbare Geruch, gemischt mit zitronenartigen Oregano, deftigen Bohnenkraut, würzigen Rosmarin, und frischen, saftigen Oliven. Hier und da noch ein wenig Zitrone, und Fabio hörte in der Ferne den Springbrunnen von Herrn Rossi plätschern, der auf seiner Terrasse steht. Er muss vorsichtig sein, denn das heißt, Herr Rossi ist da, und er mag es nicht sonderlich, wenn jemand ungefragt durch seinen perfekt gepflegten Garten ging und naschte... 

Er kannte Herrn Rossi, das ganze Dorf kannte Herrn Rossi, ein sehr netter und lieber alter Mann mit einer riesigen Familie, aber auch einem großen Tick: wehe dem, der seinen Garten anfässt! Es war vermutlich der schönste, prächtigste und leckerste Garten in ganz l’Aquila. Und Herr Rossi passte darauf auf wie ein Fuchs.

Da wurde Fabio gleich ein wenig flau im Magen, doch dann sah er diese riesigen Tomatenpflanzen, mit den dicken, knallroten und grünen Früchten dran, und vergaß sich selbst. Er nahm seinen kleinen Beutel und stopfte ihn zur Hälfte voll mit den Tomaten. Er schlich ein wenig über das dicke graue Kies weiter und kam an Büschen von herben Oregano, kräftigen Rosmarin und duftenden Thymian vorbei, die Büsche waren so groß wie er selbst! Den kleinen Verlust wird Herr Rossi gar nicht bemerken! Er knappste ein paar Stängel ab, stopfte sie zu den Tomaten, und es lag dieser herrlich würzig pikante Geruch in der Luft, der ein ganz wenig an Pfeffer erinnerte. Das scharfe Bohnenkraut war auch nicht weit weg, und er ging im Kopf schon mal die Liste durch, was noch fehlte. Ah ja, Olivenöl! Das wird das schwierigste... Fabio erinnerte sich, wie er mal den Schuppen mit der Maschine gesehen hatte, auf einer der vielen Hochzeiten von einem von Herrn Rossis Enkeln... Irgendwo dort drüben, links von der Villa... Hier noch durch den Thymianbusch... Da! Stumm und still stand dort der Schuppen und niemand weit und breit zu sehen. Fabio schlich vorsichtig näher ran, fand die Tür offen, schlüpfte hinein und sah die riesige Maschine stumm da stehen. An der Schuppeninnenseite waren unzählige Flaschen gestapelt, mit milchigen, ungefilterten Olivenöl gefüllt. Das war das Beste, das wusste Fabio, das roch so richtig fruchtig und schmeckte fruchtig intensiv. Keine Ahnung, warum die Leute meinen, das Klare besser zu finden. Er schnappte sich die kleinste Flasche, stopfte sie in den überfüllten Beutel, schlüpfte aus der Tür heraus und stieß sich seinen Kopf an einem harten Stock. "Aua!" schrie Fabio auf, schaute hoch, und sah dem alten Herrn Rossi direkt in sein Gesicht. "Oh oh...".

"Tut mir Leid Herr Rossi!" rief Fabio und wollte schon wegrennen, doch da schnappte sich der alte Mann überraschend reaktionsschnell sein linkes Ohr und hielt ihn sehr effektiv vom Fliehen ab.

“Aua, aua, Entschuldigung Herr Rossi!”

"Seniore Fabio, si?" fragte Herr Rossi mit blitzenden Augen.

"Si si, pardone, prego, pardone!" stieß Fabio flott hervor.

“So so, du kleiner Strolch, du, zeig mal her, was du da alles hast!” Er schnappte sich den Beutel und schaute rein. “Du dachtest wohl, ich hätte dich nicht bemerkt, nur weil ich ein wenig älter bin…” murmelte Herr Rossi in seinen dichten Super-Mario-Schnauzer. “Wenn er jetzt noch eine rote Mütze aufhätte…” dachte sich Fabio.

“Was wolltest du damit machen” funkelte Herr Rossis Augen Fabio an.

“Pizza, Seniore Rossi, nur Pizza, ich habe gehört, wie die Frauen im Dorf immer von Ihrem Garten und Kräutern schwärmen! Sie reden von kaum etwas anderem, und davon, wie schwer es ist, ein paar Gramm zu kriegen. Aber das es sich immer gelohnt hat!”

“So so, weißt du auch, warum?” fragte Herr Rossi.

“Weil sie so gut schmecken?” antwortete Fabio mit fragendem Blick.

Herr Rossi schmunzelte verschmitzt Fabio an, seine Augen wurden sanft. “Dies ist kein gewöhnlicher Garten, Fabio, und das sind keine gewöhnlichen Kräuter. Aber das würdest du nicht verstehen, du bist ja noch ein Bambino, und eine Frau bist du auch nicht!”

“Und Sie sind ein alter Mann!” entgegnete Fabio trotzig. “Wie können Sie das dann verstehen?”

Herr Rossi lachte kurz auf. “Wie wahr, wie wahr, ich kann auch nicht behaupten, die Frauen wirklich zu verstehen… Aber sie erzählen mir allerlei, was die Kräuter so machen…” Herr Rossis Blick wurde verträumt.

“Erzählen Sie, Herr Rossi, erzählen Sie!” insistierte Fabio.

“Nein! Aber ich erzähle dir, was wir hier mit Dieben anstellen!” Sein Blick wurde wieder ernst,  Herr Rossi beugte sich runter zu Fabios Ohr und flüsterte ihm lange zu, während Fabios Augen immer größer und größer wurden.

“Aber Herr Rossi, bitte nicht Herr Rossi, geht das auch nicht anders, ich mache alles, Herr Rossi, bitte!!” Herr Rossi setzte einen strengen Blick auf. “So so, du würdest alles machen? Gut, ein Vorschlag der Güte.”. Er bückte sich wieder runter und flüsterte Fabio erneut zu.

“Oh ja, das ist gut, okay, klasse, vielen lieben Dank Herr Rossi, danke, tausend Dank!” stammelte der sichtlich erleichterte Fabio.

“So, und nun geh nach Hause. Nimm dein Beutelchen mit, erzähl deiner Mutter was passiert ist und richte ihr liebe Grüße von Herrn Rossi aus. Und sag ihr, nicht mehr als ein Esslöffel verwenden.”

Fabio bedankte sich immer noch, nahm den Beutel in die Hand, drehte sich um und rannte in den riesigen Garten hinein, Richtung Schafsweide.

“Danke, Herr Rossi, tausend Dank, und bis morgen!” rief er noch im Laufen zurück.

“Pass auf den Bock auf, der ist manchmal etwas zickig!” antwortete Herr Rossi. “Ach und Junge: wenn du dich gut anstellst, werde ich dir eines Tages noch das Geheimnis erzählen.” versprach Herr Rossi.

Fabio hörte es noch dumpf, krabbelte schon durch die Büsche, kletterte über den Zaun, lief einen weiten Bogen um den grimmig guckenden Bock, lief den Hang hinauf, zog noch sein Schwert aus den Büschen, und rannte, rannte, er wollte unbedingt Mamma von seinen Abenteuern erzählen und davon, dass er ab morgen Herrn Rossi in seinem paradiesischen Garten helfen wird. Er freute sich riesig darauf, Herr Rossi hätte sich keine schönere Strafe ausdenken können. Er wird lernen und spielen und Essen und Abenteuer erleben und Geheimnisse erfahren. Und all das in Rossi’s Kräutergarten!

Autor: Kevin Drasl