Sita's Goldcurry


Sita hatte einen Garten. Es war ein geheimer Garten, der einst ihrer Großmutter gehörte und für sie, im Grunde, immer noch der Garten ihrer Großmutter war. Der Garten war geheim, weil er so versteckt lag, dass niemand dort einen Garten vermuten würde oder auf die Idee käme danach zu suchen. An der letzten Straße im Dorf begann ein kleiner Trampelpfad und dieser führte tief in den Dschungel hinein,  bis in den Schatten einer großen Felsenklippe. Wenn man den Weg kannte, dann fand man hier den Anfang eines schmalen Pfades, der über Gestein seinen Weg um die Klippe herum in die Höhe fand. Der Aufstieg war beschwerlich, doch sobald man die Klippe zur Hälfte umrundete, wurde man von hellen Sonnenstrahlen begrüßt, die den Wanderer das letzte Stück des Weges begleiteten. Und schließlich erreichte man ein kleines Felsplateau, das wunderschön gelegen und von drei Seiten von hohen Felsen umschlossen wurde. Zu einer Seite aber, nach Westen, öffneten sich die Felsen und gaben einen atemberaubenden Blick über den indischen Ozean frei.

Früher, als Sitas Großmutter jung war, kannten viele Menschen diesen Ort. Die Dorfbewohner waren herauf gekommen, um die strahlende Abendsonne zu genießen und vor allem Feste zu feiern. Es gab eigentlich immer Feste. Doch dann war der Garten in Vergessenheit geraten. Niemand weiß genau warum. Manche hatten Angst vor den bösen Geistern, die angeblich in den Bergen hausten, anderen war der Aufstieg zu beschwerlich und immer weniger und weniger Menschen waren in den Garten gekommen bis niemand mehr wusste, wo der Weg entlang führte oder gar, dass es diesen Garten jemals gegeben hatte.

Nur Sita hat ihn nicht vergessen. Den Weg, den sie als kleines Mädchen so oft gelaufen war, hätte sie nicht beschreiben können, doch ihre Füße fanden ihn wie von selbst und zogen sie wie magisch immer wieder an diesen Ort. Sie glaubte nicht an die bösen Geister. Im Gegenteil. Etwas sagte ihr, dass dieser Ort eine besondere Kraft hatte. Und so beschloss sie eines Tages, den Garten umzugraben, ihn vom Unkraut zu befreien und pflanzte einige ihrer liebsten Gewürze - knallgelbe Kurkumawurzeln, duftende Senfpflanzen, grüner Bockshornklee, blühende Paprika und fruchtigen Ingwer. Aber am liebsten mochte sie den Zimtbaum, ganz in der Mitte des Gartens. Und ja, sie hat sich nicht getäuscht, der Garten blühte so strahlend und wunderschön, wie sie es aus ihrer Kindheit kannte. Erinnerungen, so alt und verblasst, es erschien unwahrscheinlich, dass es wirklich so schön gewesen sein sollte. Doch das war es. So schön wurde es wieder.

Ein Curry ist im Grunde nichts anderes als eine Mischung ausgewählter, wunderbarer Gewürze und jede Familie machte ihr Curry ein wenig anders. Es gab rotes, grünes und gelbes Curry. Doch das Curry, welches Sita aus den Pflanzen aus Großmutters geheimem Garten herstellte, war golden wie die Abendsonne, die die kleine Oase erstrahlen ließ. Und bald wurde bekannt, dass Sita das beste Curry im ganzen Dorf, nein sogar in der ganzen Region, kochen konnte: so sanft und würzig zugleich, als hätte es jeden Strahl der abendlichen Sonne aufgesogen. Und die Leute begannen zu fragen, wie Sita es machte, dass ihr Curry so golden wurde.

So kam es, dass Sita wieder Feste feierte, wie einst ihre Großmutter. In ebenjenem, wunderschönem, verstecktem Garten. Viele Menschen kamen, sie brachten Freunde und Bekannte mit, lachten und tanzten. Als die Sonne im glühenden Meer versank, erleuchtete der Garten durch hunderte von kleinen Laternen in den Bäumen und durch das große Kochfeuer in der Mitte des Gartens, auf dem brodelnd ein großer Kessel voll von Sitas Goldcurry stand.

Autor: Mena Santjer