Yui's Morgentau


Versteckt lag dieser große, kalte Vulkanberg in der weiten, ebenen Fläche, unter einer dicken Schicht feiner Schneekristalle und getarnt von einem weißlich-nebeligen Himmel, der nach Frost und Schneefall roch. Tanne und Bambus ließen die gewichtigen Verzuckerungen geduldig über sich ergehen, in sich das Leben für sich und andere wahrend. Der majestätische Berg war verstummt, wie durch einen mystischen Zauber und nur an einer Stelle in seinem Wald, an seinem Hang, ebenfalls unter hellem Puderzucker verhüllt, konnte man zarte, langsam erwachende Füße auf knarrendem Lärchenholz tapsen hören.
 
Yui schlich schlaftrunken zu der kleinen Feuerstelle, wo sich noch ein wenig tief orange, leuchtende Glut in oder hinter? der weißen Asche versteckte. Sie legte ein wenig trockenes Laub und kleine Holzscheite hinein und pustete sanft. Ihr rötlicher Kimono legte sich eng und warm um ihren zarten, noch müden Körper; ihre schneeweiße Haut glühte in dem Licht der Flammen rötlich auf und ihre schwarzen, glatten Haare fielen ihr über die Brust. Sie steckte sie mit einem dünnen Bambusstab auf ihrem Kopf zusammen.
 
Sie hing die kleine, dunkelgrüne Keramikkanne über das gemütliche Feuer, holte mit feinen Fingern aus einem kleinen Stoffbeutel einige, wenige kleine Teeblätter hervor und ließ sie in das heiße Wasser gleiten. Ebenfalls setzte sie die Miso Suppe vom vergangenen Abend auf. Die niedliche Hütte füllte sich mit einem wunderbar warmen Duftnebel aus grünem Tee und Gemüsebrühe. Ebenso lag ein fruchtig-scharfer Duft in der Luft: der eingelegte Ingwer. Sie liebte es, diesen der Miso hinzuzufügen - Haruto, ihr Freund, hasste es. Für sie gab es nichts Schöneres am Morgen.
 
Sie schaute zum Fenster und sah einen ersten bläulichen Schimmer in der stummen Nacht schwingen. Lautlos stand sie auf, tapste zu ihrer kleinen Kommode, öffnete den fein gebundenen Stoffgürtel ihres Kimono, genoss für einen Moment den warmen Stoff auf ihrer glatten Haut und legte ihn schließlich wehmütig ab. Sorgsam zog sie sich an, zuerst das eng anliegende Seidentop, darüber ein langärmliges Shirt, dann den grob gewebten Pullover, legte sich den hellweißen Kimono mit rosa Kirschblüten über und band ihn schließlich gut zu. Er lag schwer um ihren zarten Körper, ließ sie aber der Kälte gegenüber gleichmütig werden.
 
Yui schob die Tür in die Welt auf und ihr schönes Gesicht umwehte eine klar-kristallene Kälte. Ein Geruch stieg in ihre Nase. Ein Geruch, als wäre die Welt gerade das erste Mal geboren und läge völlig unberührt. Wie im Traum. Sie hob ihre Augen und schaute in den neuen Tag hinein: noch dunkel lag vor ihr der himmelhochaufragende Bambuswald. Alles war von einer verzückenden, dicken Schneedecke eingehüllt und so zum Schweigen gebracht. Die Welt in reine Magie verwandelt. Still war es, gleich dem Inneren eines riesigen Tempels. Es lagen kleine Nebel-Watte-Wolken zwischen den klaren Stämmen in der Luft, knapp über dem unberührten Boden, andere hoch oben in den Bäumen. Sie zogen stumm und zart durch den Wald, auf einer unbekannten Wanderschaft. Ihr Ziel war zugleich ihr Geheimnis.

Yui schritt hinaus, zog die Tür hinter sich zu und schlich sich auf Zehenspitzen an die nächstgelegene mini Nebel-Watte-Wolke heran. Kaum war sie ihr auf ein paar wenige Schritte nahe gekommen, schwebte die Wolke von ihr weg, kaum wahrnehmbar und mit jedem weiteren Schritt kam Yui ihr nicht näher. Zweifelnd blieb sie stehen. Die Wolke kam zur Ruhe. So schwebte sie vor ihr, faszinierend, halb transparent, dunkelblau scheinend im Licht des sich ankündigenden Morgens. Was für seltsame süße Wölkchen! Der ganze Wald war voll davon. Nur ein wenig streicheln wollte sie sie und griff vorsichtig nach vorne. Doch die Wolke schwebte ihrer Hand davon. Zog sie sie wieder zurück, kam das Wölkchen wieder näher. Seltsam, seltsam... Sie legte plötzlich einen überraschend weiten Hechtsprung nach vorne hin, beide Arme ausgestreckt als wolle sie die Wolke umarmen, kam ihr ganz nahe, die Wolke schien über die plötzliche Heftigkeit überrascht und Yui ließ sich ganz nach vorne fallen, als wolle sie ein Huhn fangen. Sie hatte schon die Hände über der Wolke, da machte eben diese eine Fluchtbewegung nach unten Richtung Boden. Doch da war kein Weiterkommen. Jetzt hat Yui sie. Da machte sich die Wolke ganz klein und flach und schwebte verschreckt am Boden vor Yuis sich schließenden Händen weg. Diese plumpste geradewegs in den Schnee und griff in den verzuckerten Boden hinein. Sie schmeckte ein wenig Schnee, drehte den Kopf zur Seite und sah die Wolke vor sich schweben. Klein und fast höhnisch war sie da, so nah, als wolle sie sie provozieren. Und doch süß und freundlich, wie ein kleines Kind, das gerne weiter spielen möchte. Yui schaute sie böse an, lachte dann laut auf und lachte noch lauter und fand das alles plötzlich sehr komisch. Sie kringelte sich im Schnee und füllte diesen verstummten verzauberten Wald mit Leben. Was für ein sympathisches Wölkchen! Das tanzte ebenfalls ein wenig mit, schwebte flott rauf und runter, gleich einem hicksenden Lachen.

Yui stand auf, klopfte sich den Schnee ab und grinste das Wölkchen an, welches neben ihr, aber in sicherer Entfernung schwebte und sie ebenfalls anlächelte.

So stapfte sie wieder los und ihre neue Freundin begleitete sie. Die anderen Wölkchen interessierten sich nicht für die beiden, die flogen ihre Bahnen mit ihren ganz eigenen Wünschen und Zielen.

Yui schritt voran, den Hang entlang, durch die mal dichten, mal etwas weiteren hochaufragenden Tannen- und Bambuswälder. Während sie so wanderten wich die Dunkelheit ganz langsam einem helleren, diffusen Blauton, der Morgen kündigte sich in aller Ruhe an und Yui genoss das stumme Spektakel. Ihre Schritte knarzten im Schnee. Ihr Wölkchen schwebte geräusch- und rastlos neben ihr her. Manchmal flog es spielerisch um sie herum, manchmal hoch hinaus und dann in einem Sturzflug direkt vor ihre Füße. Doch bevor sie sich berührten war sie ganz flott wieder weg. So spielten sie, wanderten und genossen diesen einzigartigen Morgen.

Die Morgensonne war noch nicht ganz aufgegangen, da sahen sie in der Ferne, hoch über dem Hang und mitten zwischen den Baumstämmen schwebend, ein kleines, helles, leicht pulsierendes Licht. Einfach so war es da, als wäre es schon immer da gewesen. Es tauchte die blaue, aber noch dunkle Morgenstimmung in ein seltsam lebendiges weißes Licht. Kreisförmig strahlte es die Stämme und den Boden voll Schnee an. Yui war vorsichtig stehen geblieben, etwas skeptisch suchte sie nach anderen Menschen oder eine Quelle für das seltsame Phänomen. Da schoss ihr Wölkchen mit Vollgas nach vorne zum Licht, erreichte es und tanzte und hüpfte voller Freude um die schwebende Lichtkugel herum. Das Licht pulsierte stärker und schneller, und es sah aus, als hätte sich ein verliebtes Pärchen nach langer Zeit wiedergetroffen. Yui bestaunte regungslos diese wunderbehaftete Szenerie. Da kam das Wölkchen zu ihr zurück geschossen, flog wie von einer Tarantel gestochen um sie herum und raste wieder zurück, als wolle sie Yui offensichtlich zum Kommen überreden. Sie ging langsam voran und tauchte in das magisch leuchtende Licht ein. Wie sie ihm näher kam sah sie den Zauber des Lichts: es tauchte die Millionen Schnee- und Frostkristalle in regenbogenfarbige Diamanten. Je näher sie dem Licht kam, desto mehr glitzerte und funkelte es um sie herum, als würde sie auf verzauberten Wolken laufen. Ebenfalls spürte sie eine seltsame Wärme auf ihrer Haut und spürte, wie sich die kleinen Eiskristalle in ihrem Gesicht in warmes Tauwasser verwandelten und tropften. Sie genoss es zu tiefst, und wie sie fast direkt unter dem Licht stand - hoch über ihr schwebte es - war ihr als wäre sie im Himmel. Da trat sie direkt darunter und es bewegte sich plötzlich ein Stück. Yui schaute verblüfft hoch. Sie machte wieder einen Schritt, um direkt unter ihm zu stehen. Da bewegte sich das Licht wieder, wie von einer magischen Hand gezogen. Sie blieb stehen, tat, als würde sie aufgeben und sprang urplötzlich nach vorne zum hellsten Punkt am Boden. Doch das Licht hatte das erwartet, schwebte einfach ein wenig weiter und Yui plumpste wieder mit gestreckten Armen und Gesicht voran in den Schnee. Sie drehte den Kopf böse nach oben zum Licht hin, da schwebte Wölkchen wie Licht ganz knapp vor ihrer Nase und spielten mit ihr stumm und kindisch. Da musste sie laut auflachen und sich vor Freude im Schnee wälzen. Licht und Wölkchen lachten und tanzten mit ihr zusammen, hier im Wald, hier am Hang des tausend Meter hohen Vulkans. Als sie sich beruhigt hatte, blieb sie liegen und schaute fasziniert das Wölkchen und das Licht an. Sie konnte sehen wie das Wölkchen in dem magischen Licht wie eine fliegende Ansammlung an tausenden Miniaturkristallen funkelte und glänzte, und sie verstand, weshalb sich das Wölkchen bei dem Licht so wohlfühlte.

So wanderten die drei wieder los. Hinein in den Morgen, tiefer durch den Wald, spielend, genießend. Manchmal flitzte das Licht ein Stück vor und schaute sich suchend um und das Wölkchen war dann zwischen Yui und dem Licht hin- und hergerissen. Zuerst schwebte es freudig dem Licht hinterher, dann bemerkte es, dass Yui nicht so schnell hinterherkam und kam zurück geschwebt. Dann war das Licht plötzlich hinter einem großen Baum verschwunden und spielte mit den Schatten, die es warf. Das Wölkchen flog wieder hin, schaute sich aber immer nach Yui um. Die machte ihm Zeichen, es solle ruhig vorfliegen, und sie sah die beiden zwischen den schmalen und dicken Baumstämmen am Hang entlang spielen und kabbeln, sie flogen immer weiter voraus. Bis plötzlich eine riesige, dicke Nebelwand vor ihnen lag, in die beide unbedarft reinflogen. Yui sah noch das Licht diffus hin- und her leuchten, dann waren sie in der undurchsichtigen Watte verschwunden.

Unschlüssig und etwas unruhig stand sie vor der plötzlich aufgetauchten, riesigen Wand und blickte sich ein wenig um. Sie rief nach den beiden, aber nichts reagierte. Wenn sie da jetzt reingeht, wird es schwer, den Weg wieder rauszufinden. Und sie war nun schon sehr tief im Wald. Ob die andern beiden sich verlaufen? Stumm starrte der Nebel sie an. Yui zog ihr kleines, silbern glänzendes Jagdmesser aus der tiefen Kimonotasche und machte einen Schritt hinein. Sofort war die ganze Welt verschwunden. Um sie herum nur noch grau, selbst ihre Füße konnte sie nur noch diffus sehen, und die wunderschöne Morgenstimmung war einer eiskalten Totenstille gewichen. Sie rief nach den beiden. Bekam keine Antwort, kein schwaches Leuchten. Sie machte einen weiteren Schritt. Sie spürte, wie sich ihre Härchen aufstellten. Tief einatmend machte sie den nächsten Schritt. Und den nächsten, möglichst gerade aus. Sie rief wieder. Und sah für eine Millisekunde ein mickriges Leuchten in der Ferne - ein fast erloschenes oder war das nur der Nebel, der ihr einen Streich spielte? Sie lief los, aus Sorge, aber auch aus eigener Angst. Sie wollte raus hier, aber niemals alleine. Stolperte, fing sich wieder, lief weiter, lief frontal gegen einen Baum, schrie auf, bekam Panik. In welcher Teufelsküche war sie hier gelandet? Sie saß auf dem Boden, das Messer vor sich hoch gehoben, aber da war nur Stille und ihr eigenes Schluchzen. Nein, halt, hat sie sich das gerade eingebildet oder war da ein ganz dumpfes, hauch dünnes Geräusch gewesen? Sie horchte tief in die Stille hinein und unterdrückte ihr Schluchzen. Da, da war es wieder! Von links kam es! Sie stand auf und starrte mit weiten Augen in den dichten Nebel. Wieder dieses dumpfe Geräusch. Sie machte ein paar Schritte in die Richtung, den Hang hinauf. Da, da war es, ein bisschen lauter. Sie ging vorsichtig weiter, folgte dem Ton. Dort! Dumpf dröhnte es durch den Wald. Sie passte die Richtung etwas an. Dort! Es wurde lauter, klarer, verschwand alle paar Sekunden und kam dann wieder. Und plötzlich wusste sie es, erkannte es: ein Gong, das muss ein riesiger Gong sein, so dumpf, so tief, so in der Seele vibrierend. Ein buddhistischer Gong. Ein Menschengong. Und sie rannte los. Freudentränen schossen ihr in die Augen. Sie lief dem Bass hinterher; weiter, immer weiter, laut wurde es, und plötzlich stieß sie durch den Nebel, war vor Schreck von dem orangenen Licht der aufgehenden Sonne völlig geblendet, fiel hin, hielt sich die Hand vor die Augen und hörte den Gong laut und klar vor sich. Da berührte sie eine Hand an ihrer Schulter. Yui zuckte zusammen und schaute hin, erkannte durch die verschwommenen Umrisse einen Menschen, ein Gesicht, eine rot-goldene Kutte, ein Lächeln, Und im Hintergrund sah sie unscharf ein kleines Haus, um dessen Giebel ein Licht und ein Nebel-Watte-Wölkchen freudig hin- und her sausten. Yui hatte sie gefunden.

Autor: Kevin Drasl